


Trittbrettfahrer-Wahlkampf
Es sind noch etliche Monate bis zur Abgeordnetenhauswahl im Herbst und normalerweise dürften die Parteien noch gar keine Wahlplakate an die Laternenmasten hängen. Aber bis zum 8. Mai laufen auch die Volksbegehren Berlin werbefrei und Berlin autofrei, dafür und dagegen darf in Wahlkampfmanier geworben werden, auch von den Parteien. So macht im Wedding die SPD ihre Kanididatin für den Wahlkreis 6 bekannt: großes Bild, großer Name, klein oben in der Ecke steht „Autos aus dem Zentrum in den Wedding? Nicht mit mir“. Denn irgendeinen Bezug zum Volksbegehren muss die Wahlwerbung schon haben. Beim knackigen Slogan der CDU („Auto verbieten verboten. Punkt.“) ist er klarer. Wobei der Appell an die Urängste von Autofahrer*innen (hier gendern wir ausnahmsweise mal gerne…) völlig an dem vorgelegten Gesetzentwurf vorbeigeht, der ja das Autofahren nicht generell verbieten, sondern einschränken will, so wie das andere Metropolen (wie London) auch schon tun. Wer will, kann das Urteil des Berliner Landesverfassungsgerichtshofes studieren, das die vorgeschlagenen Beschränkungen des Autoverkehrs im Stadtzentrum ausdrücklich für keine Beschneidung der verfassungsgemäßen Freiheitsrechte hält – anders als der Regierende Bürgermeister suggeriert. Auch das Volksbegehren „Berlin werbefrei“ hat bereits den Verfassungsgerichtshof beschäftigt, weil der Senat die Kosten eines partiellen Werbeverbots viel zu hoch berechnet hatte (hier nachlesen). Die Initiative richtet sich vor allem gegen die Verschmutzung des öffentlichen Raums durch immer mehr Bildschirme mit bewegten Werbebildern. Die Beruhigung des Stadtbildes könnte, wenn es denn wollte, ein Abgeordnetenhaus auch ohne langwieriges Bürgerbegehren beschließen, wenn die Politik denn Augen im Kopf hätte.


Beschmierter Adler
Die rote Farbe auf dem Adler und seinen Küken im Nest ist der anonyme Kommentar zu einer verunglückten Denkmaldebatte. Mit großem Nazipomp wurde die Skulptur des Bildhauers Max Esser als Teil eines „Denkmals der nationalen Erhebung“ 1935 eingeweiht. Jahrzehntelang stand sie wenig beachtet am Rand eines Kinderspielplatzes zwischen Lünette und Lüdenscheider Weg in Spandau. Ihre Geschichte wurde 2013 in einem Buch über die Reichsforschungssiedlung Haselhorst aufgearbeitet, seitdem diente der Adler als Anlaufpunkt, um auf Führungen über die erzwungene ideologische Gleichschaltung der Siedlung nach 1933 zu berichten. Das ansonsten unkommentierte Dastehen der Skulptur am Kinderspielplatz wurde im vergangenen Jahr zum Skandal erklärt, daraufhin musste die Eigentümergemeinschaft der Anlieger entscheiden, ob der Adler entfernt oder kommentiert werden soll. Das Ergebnis der Befragung: Alles soll so bleiben, wie es ist.
Dabei wäre es so einfach gewesen, an dem Sockel (von dem nach 1945 ein Hakenkreuz und ein Goethe-Zitat getilgt wurden) eine kleine Informationstafel anzubringen. Stattdessen nun: Blinder Vandalismus statt Aufklärung.

Carrer de la Missió
Eine Nebenstraße im Zentrum von Palma, die den Spaziergänger am Sonntagmorgen zum Flaneur macht, weil man sich gar nicht satt lesen kann an den Spuren der Vergangenheit und Gegenwart, die sich überlagern: Der Pfeil weist auf ein Haus (Nr. 19/20), in dem „Classes de Bellas Artes“ angeboten werden. Die Künstler haben eine Art Ladenschild mit surrealistisch anmutenden Gedichten herausgehängt. An den uralten Mauern einer Kirche kleben Plakate gegen den Massentourismus auf Mallorca, dabei leben in der Straße offensichtlich ganz normale Einheimische neben den Gästen einer Luxusherberge, die eines der alten Häuser sehr geschmackvoll okkupiert hat.

Merz im Stadtbild
Ein knappes Statement zu einer vom Kanzler fahrlässig losgetretenen, das gesellschaftliche Klima vergiftenden Scheindebatte, fotografiert in Berlin-Pankow im Dezember 2025. Paradoxerweise verstetigt die Inschrift die Präsenz von Friedrich Merz im Stadtbild, im Gegensatz zur energischen Forderung nach seinem Verschwinden. Für das Stadtbild an der vielbefahrenen Kreuzung in Sichtweite des alten Pankower Dorfangers ist die Intervention, die sich mit einer weiteren Parole am Dach außerdem gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht richtet, ein Gewinn.


Babylonisches Kreuzberg
Über einer Markise mit Weißbierreklame am Rio-Reiser-Platz schmücken türkischen Wortendungen eine Eckhausfassade. Mit den Schriftzügen „-miş“, „-müş“ , „-mişiz“ fängt es an und steigert sich über viele Variationen bis zum lautmalerischen „-müşmüşüz“, „-mişmişsin“ und „-müşlerdi“. Was hat es damit auf sich? Hier lesen


Jüdische City West
Im Auftrag des Bezirksamtes Charlottenburg-Wilmersdorf haben Michael Bienert und Arne Krasting einen Stadtspaziergang zum jüdischen Leben um den Kurfürstendamm entwickelt, der seit dem Herbst 2024 mit großer und guter Resonanz etwa zwanzigmal durchgeführt wurde. Die 20 Stationen geben einen exemplarischen Eindruck von der Vielfalt jüdischen Lebens im Bezirk. Ab sofort ist eine Onlineversion der Stadtführung verfügbar.

Noch ist diese Website eine Baustelle…
Seit 2004 diente die Domain www.text-der-stadt.de als offenes Archiv für Texte von Michael Bienert und Elke Linda Buchholz.
Nachdem der Umzug auf einen modernen Server und die Neuinstallation geklappt hat, werden wir hier ab 2026 weiter publizieren und zeitlose Texte werbefrei zur Verfügung stellen.